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10.03.2026

Freunde | Menschen

Leonard Cardenas, Olympiaden-Teilnehmer in Kuba und der Schweiz

Manchmal nehmen Jugendliche nicht an mehreren Wissenschafts-Olympiaden teil, sondern an derselben Olympiade in verschiedenen Ländern! Leonard gewann eine Goldmedaille bei der Mathematik-Olympiade in Kuba. Nach seinem Umzug nach Genf nahm er 2024-2025 an der Schweizer Mathematik-Olympiade teil.

Warum hast du in Kuba an der Mathematik-Olympiade teilgenommen?

Ich hatte mich für die Teilnahme an den Olympiaden entschieden, weil sie viele Vorteile bietet und viele andere auch teilnehmen. Das Bildungsministerium befreit die Teilnehmenden von der halbjährlichen Mathematikprüfung. Wenn man sich für die internationalen Olympiaden qualifiziert, muss man keine Aufnahmeprüfungen für ein Studium in dem betreffenden Fach an der Universität ablegen. Ich denke, wenn das hier auch so wäre, würden mehr Jugendliche teilnehmen. 
Als ich zum ersten Mal in der 11.Klasse teilgenommen habe, lief es gut. Ich glaube, dass ich mich dank der umfangreichen Vorbereitungszeit, die uns die Schule gewährt hat, ganz in die Welt der Mathematik vertiefen konnte. Ohne diese Vorbereitungszeit hätte ich die erste Runde wahrscheinlich nicht bestanden und es wahrscheinlich nicht noch einmal versucht. Wir hatten schulfrei, um uns auf die Mathematik zu konzentrieren, das war auch bei den anderen Olympiaden so.  

Gab es Lehrpersonen, die euch geholfen haben?

Die Lehrpersonen hatten selten Zeit für den Unterricht, da es an der Schule, die ich besuchte, nicht genügend Personal gab. Man muss auch sagen, dass sich die Mathematik im Wettbewerb stark von der Mathematik im Schulunterricht unterscheidet. Man muss anders denken, und eine Lehrperson muss viel Erfahrung haben, um sich schnell darin zurechtzufinden. Ja, die Erfahrung mit Olympiaden spielt eine grosse Rolle. Die Prüfungen werden von Universitätsprofessoren aus jeder Provinz korrigiert.

Bis zu welcher Runde hast du teilgenommen?

Ich habe bis zur Auswahl der nationalen Delegation teilgenommen und war Vierter in der Rangliste. Das Budget deckte jedoch nur die Reisekosten für zwei Teilnehmende und eine Begleitperson zur Internationalen Mathematik-Olympiade (IMO), daher bin ich nicht hingefahren.

Hättest du an der IMO teilnehmen können, wenn deine Familie die Reise bezahlt hätte?

Nein, das Bildungsministerium will alle Kosten übernehmen, selbst wenn ich das vorgeschlagen hätte, wäre es nicht akzeptiert worden. Es ist ein kommunistisches Land.

Wer nimmt an internationalen Wettbewerben teil? Hier schickt die Olympiade verschiedene Personen zu den Wettbewerben, das ist eine Form der Anerkennung für die Gold-, Silber- und Bronzemedaillengewinner.

In Kuba nehmen die Goldmedaillengewinnerinnen und -gewinner an allen internationalen Wettbewerben teil, egal ob es sich um Haupt- oder Nebenwettbewerbe wie regionale Olympiaden handelt. Ich weiss, dass dies auch in anderen Ländern so ist, aber nicht in der Schweiz. 

Du lebst seit zwei Jahren im Kanton Genf. Hast du dich gleich nach deiner Ankunft für die Mathematik-Olympiade angemeldet?

Nein, als ich für die kubanische Delegation ausgewählt wurde, hatte ich das Gefühl, dass mir viel Wissen fehlte, und ich begann zu zweifeln. Ich bin umgezogen und habe eine Weile gebraucht, um mich zurechtzufinden, was meine Zweifel an meinen Fähigkeiten noch verstärkt hat. Wenn man an einem Wettbewerb teilnimmt, muss man im Allgemeinen am Ball bleiben und regelmässig weiterlernen, sonst fällt es schwer, sich auch nur nach einem Monat wieder hineinzufinden. Glücklicherweise ist es einfacher, wenn man Erfahrung hat.

Ich wusste, dass es in vielen Ländern Mathematik-Olympiaden gibt, und als ich ausgewandert bin, hatte ich diesen Wettbewerb im Kopf. Ich habe die Schweizer Olympiade leicht im Internet gefunden. Ich habe die Sekundarschule auf Französisch begonnen, was viel Aufwand erfordert, also habe ich ein Jahr gewartet. Ich habe die Stufe gewechselt und bin nun auf einer neuen Schule.

Ich übe Mathematik online. Bevor ich mich für die Olympiade angemeldet habe, habe ich meinen Vater und meine Mathematiklehrerin um Rat gefragt. Er hat angerufen, um sich zu informieren, und meine Lehrerin hat mir Informationen gegeben. Sie hat mir auch den Flyer der Mathematik-Olympiade gegeben.

Hast du schon einmal an anderen Olympiaden teilgenommen oder möchtest du daran teilnehmen?

Nein. Ich hatte überlegt, mich für die Physik-Olympiade anzumelden, aber die Themen des internationalen Wettbewerbs interessieren mich nicht, ich bevorzuge alltagsnahere Physik.

Hast du Unterschiede zwischen den Prüfungen der ersten Runde in der Schweiz und in Kuba festgestellt?

Der Unterschied ist deutlich zu spüren. In Kuba steigt das Niveau von Runde zu Runde allmählich an. Die Schwelle vom Mathematikunterricht in der Schule zur ersten Runde ist niedrig. In der Schweiz fand ich, dass der Unterschied zwischen dem Mathematikunterricht in der Schule und der der ersten Runde grösser war als zwischen den folgenden Runden. In Kuba sind die Unterschiede zwischen den Runden dafür ausgeprägter.

Wie sieht es mit den Aufgaben aus?

Ich habe Unterschiede bei den Algebra-Aufgaben festgestellt. Die Geometrie-Aufgaben sind hingegen fast identisch. Bei der Vorbereitung auf die internationalen Olympiaden ist das Niveau ähnlich. 

Erzähl mir, wie deine Vorbereitung auf die internationalen Olympiaden in Kuba verlaufen ist.

Es war sehr schön. Vor der Auswahl für die internationalen Olympiaden treffen sich die Teilnehmenden aller Olympiaden und die Lehrkräfte drei oder vier Monate vor der Veranstaltung, um zu lernen. Zwei Monate vorher ist es dann wie in einem Camp: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer treffen sich in einer leeren Schule und die Lehrkräfte kommen, um uns zu unterrichten. Wir sind vom Schulunterricht befreit, müssen aber trotzdem sicherstellen, dass wir das Schuljahr bestehen. Wenn man das, was man lernt, mag, ist es wirklich toll, man ist von Freunden umgeben. Die Olympiaden bilden eine Gruppe, das ist super. Da wir den ganzen Tag lernen und zwei Monate Zeit haben, uns vorzubereiten, denken wir abends an andere Dinge, außer diejenigen, die im Rückstand sind. In Kuba sind die Menschen freundlich und es ist leicht, Freundschaften zu schließen. 

Es ist ein anspruchsvoller Rhythmus. Wie schaffen es die Leute, die im selben Jahr an mehreren Olympiaden teilnehmen?

Sie bereiten sich gleichzeitig vor. Wer zum Beispiel gut in Informatik ist, ist in der Regel auch gut in Mathematik. Ich habe hier ein Mädchen kennengelernt, das das gemacht hat. 
Ich war überrascht zu erfahren, dass Teilnehmende in Mathematik auch an der Philosophie-Olympiade teilnahmen, da ich dachte, dass dies unvereinbare Disziplinen sind.

Wie war deine Erfahrung in der zweiten Runde in der Schweiz?

Ich habe den Eindruck, dass der Kontakt hier schwieriger ist. Hier war ich nicht wie in Kuba von Freunden umgeben. Ich spürte eine Distanz zu den anderen. Ich habe diese Erfahrung eher als Herausforderung denn als Vergnügen empfunden. Ich fühle mich noch nicht wohl mit Französisch oder Englisch, deshalb halte ich mich zurück.
Ein Freiwilliger, der Spanisch sprach, hat mir sehr geholfen, indem er die Übungen in meine Sprache übersetzt hat. Ich bin ihm sehr dankbar dafür. 

Hat dir diese Erfahrung bei der Wahl deines Studienfachs geholfen?

Mein Traum wäre es, Mathelehrer zu werden und Schülerinnen und Schüler auf internationale Wettbewerbe vorzubereiten. Die Mathematik bei den Olympiaden ist schön, weil sie kreativ ist. Ich denke, ich werde erstmal Ingenieurwissenschaften studieren, da ich aus einer Familie von Ingenieuren stamme und schon immer damit zu tun hatte.

Was könnte andere Menschen motivieren, daran teilzunehmen?

Meiner Meinung nach machen Menschen anfänglich eher mit, wenn sie einen Vorteil für sich darin sehen. Wenn dir das Fach dann gefällt, ist es die Freude daran, die dich weitermachen lässt, nicht der anfängliche Vorteil. Für diejenigen, die Wissenschaft lieben, gibt es kein Zurück.

 

Interview: Leonard Martin Cardenas Guilbert. Redaktion: Charlotte Vidal

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